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Aug 22

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„Mensch, bist du dick geworden!“ von A. J. Jacobs

Bewertung:

Mensch, bist du dick geworden!Kurzbeschreibung der Ullstein Buchverlage:
Geht nicht gibt’s nicht – jedenfalls nicht bei A. J. Jacobs. Er sourct sein ganzes Leben aus: Ein Team von hübschen Inderinnen schreibt seine Mails und streitet sich sogar mit seiner Frau. Er versucht sich in radikaler Ehrlichkeit und wird dabei beinahe zusammengeschlagen. Er lässt sich nackt für ein Hochglanzmagazin fotografieren und fühlt sich wie ein Sexobjekt…

Was macht man, wenn man als Journalist seine Muse verloren hat und auch sonst gelangweilt ist? Genau, man macht sich zum menschlichen Versuchskaninchen, stellt sich und andere in aller Öffentlichkeit bloß – und veröffentlicht in einem renommierten Männermagazin Berichte über die Ergebnisse dieser Selbstversuche. So oder so ähnlich könnte man in wenigen Zeilen die Arbeit des A. J. Jacobs beschreiben, der mit seinen Bestsellern „Britannica & ich“ und „Die Bibel & ich“ nicht wenige Menschen zum lachen brachte. Die Ideen für beide Werke waren so simpel wie genial. Jacobs las zunächst die komplette Encyclopædia Britannica, um zu einem Know-It-All zu werden. Danach zwang er sich, einen Monat lang wortgetreu nach den Gesetzen der Bibel zu leben – beides mit zweifelhaftem Erfolg für sich selbst, aber jede Menge Unterhaltung für seine Leserschaft. Mit „Mensch, bist du dick geworden!“ (im Englischen Original übrigens: „The Guinea Pig Diaries“) erschien 2010 Jacobs drittes Buch auf dem deutschen Markt.

An den Erfolg seiner Vorgänger konnte das Selbstversuch-Tagebuch allerdings nicht anknüpfen. Vielleicht liegt es daran, dass sich Jacobs‘ drittes Buch diesmal nicht einem großen Thema widmet, sondern vielen kleinen. Jacobs selbst sagt im Vorwort, er sei im „Laufe der Jahre […] mit Vorschlägen geradezu überschüttet worden“. So präsentiert er in neun Kapiteln einige interessante aber wenig spektakuläre Versuche. So schlüpft er auf der Suche nach einem Online-Date für sein Kindermädchen Michelle („wie Angelina Jolie mir normalen Lippen“) in deren Rolle, lässt sich von „schmierigen Typen“ anlabern und leidet mit den „netten, verletzlichen Männern“, denen er als Michelle eine Absage erteilen muss. Er übt sich im Monotasken, erfüllt einen Monat lang seiner Frau jeden Wunsch oder versucht, nach „George Washingtons 110 Regeln betreffend Höflichkeit und Anstand im Umgang und in der Konversation mit anderen“ zu leben.

Interessant wird es aber im Kapitel 2, als er große Teile seines Lebens erfolgreich (!) nach Indien outsourct und seine Mails und Bestellungen von indischen Firmen schreiben und ausführen lässt. Die Idee hat in der Tat Charme.

»Mein Chef hält Sie für einen Arsch«, sage ich.

»Sagen Sie Ihrem Chef, er ist selber ein Arsch«, erwidert er.

»Schön, dass Sie sich gerade in der Nase bohren«, sage ich. »Sieht lustig und eklig zugleich aus und gibt ein nettes Detail für den Artikel ab.«

»Nichts dagegen. Ich werde mich gleich auch noch am Arsch kratzen.«

Mit der „Radikalen Ehrlichkeit“ nach Brad Blanton beschäftigt sich Jacobs im dritten und ebenfalls interessanten Kapitel, das – wie passend – „Mensch, bist du dick geworden!“ lautet. Es geht schlichtweg darum, immer die Wahrheit zu sagen, niemals zu lügen und immer auszusprechen, was man gerade denkt. Blanton ist der Ansicht, dass wir alle auf die Weise glücklicher leben würden. Jacobs testet die „ernstzunehmende Bewegung“ aus – zunächst an sich selbst und an Blanton, dann an seinem Freundeskreis, seinem Chef und seiner Frau Julie. Und er ist überrascht, dass nicht alle Menschen negativ auf seine neuen, ehrlichen Umgangsformen reagieren.

Kurzum: Für Zwischendurch ist die Lektüre von Jacobs‘ Tagebuch aus dem Leben eines menschlichen Versuchskaninchens ganz okay. Der feinsinnige Humor, den man aus den Vorgängerbänden kennt, baut sich diesmal allerdings nur schwer auf. Dennoch: Das Buch lässt sich trotz seiner 300 Seiten locker in einem Abwasch durchlesen. Es ist kurzweilig geschrieben und an einigen Stellen wirklich sehr interessant. Nur mit zu hohen Erwartungen sollte man nicht an Jacobs‘ drittes Buch gehen. [paku]

HIER gibt’s eine Leseprobe!

„Mensch, bist du dick geworden!“ von A. J. Jacobs
List Taschenbuch (Ullstein)
320 Seiten
EUR 8,95
ISBN-10: 3548609813
ISBN-13: 978-3548609812

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2 Kommentare

  1. Thorsten

    „Britannica&Ich“ fand ich genial damals. Von „Die Bibel und ich“ war ich entsprechend enttäuscht. Irgendwie hatte das keinen Charme. Nach der Hälfte hab ichs aufgegeben, was mir sonst nich passiert.
    Auch hier klint es, als sei es teil ein wenig gezwungen. Als Kollumne wohl interessanter als als Buch…

    1. Patrick

      Da gebe ich dir vollkommen recht: Als Kolumne ist „Mensch, bist du dich geworden!“ sicherlich gut zu lesen. Für ein Buch war es einfach zu schwach. Ich habe es durchgezogen, hatten mir hier und da aber auch überlegt aufzugeben.

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