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Feb 10

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„Schoßgebete“ von Charlotte Roche

Bewertung:

schoßgebeteKurzbeschreibung des Piper-Verlages:

In ihrem Millionenbestseller »Feuchtgebiete« bewies Charlotte Roche neben drastischer Offenheit auch Sensibilität und ungestümen Witz. »Schoßgebete« widmet sich einem unserer letzten Tabus: dem ehelichen Sex. Und der Frage, wie ein Paar es schafft, für immer zusammenzubleiben.

Am liebsten tagsüber und Fenster zu wegen der Nachbarn. So mag es Elizabeth. Ihr Mann macht die Heizdecken auf dem Bett an, dann kann´s losgehen. Sie fährt sofort mit der Hand rein in Georgs XXL-Yogahose. Und ab hier betrügt sie ihre Männer hassende Mutter, die ihr beibringen wollte, dass Sex etwas Schlechtes sei. Hat aber nicht geklappt, Glück für Elizabeth, Glück für Georg. Aber Sex ist ja nicht alles, es gibt auch noch das Essenkochen für ihre Tochter Liza, und es gibt den Exmann, Lizas Vater. Keine geringe Rolle spielen auch ihre Ängste und ihre schrecklichen Eltern. Wobei diese Themen für Elizabeth seit dem Unfall immer zusammengehören.

»Schoßgebete« erzählt von Ehe und Familie wie kein Roman zuvor. Radikal offen, selbstbewusst und voller grimmigem Humor ist es die Geschichte einer so unerschrockenen wie verletzlichen jungen Frau.

Ich glaube, ich war eine der gefühlten zwei Leser, die das Buch „Feuchtgebiete“ – Charlotte Roches erstes Werk – nicht einfach nur unappetitlich und obszön fanden. Mir hat das Buch sogar recht gut gefallen – zumindest habe ich mich nie gelangweilt. Daher war für mich gleich klar, dass ich auch das zweite Buch von Roche lesen würde. Schon früh wurde es von den Medien – wie nicht anders zu erwarten – schlecht geredet. Das reizte mich natürlich noch mehr, immerhin möchte ich mir ja eine eigene Meinung bilden.Meine „Schock-Schwelle“ ist von Natur aus recht hoch. Mich kann also wirklich nichts so schnell schockieren. Deshalb kann mich Charlotte Roches Schreib- und Erzählsitl auch schon lange nicht mehr bestürzen oder gar anekeln. Vielleicht ein Grund, warum ich eine von den wenigen bin, die bei Ihren Büchern auch die Story hinter den Kraftausdrücken und Körperflüssigkeiten erkennt. Viele andere Leser drehen sich anscheinend sehr schnell angewidert weg, wenn die Rede auf Sperma oder Analsex kommt. Ich nicht 🙂

Bei „Schoßgebete“ kommt man nicht drum herum, auch Roches Biografie mit einzubeziehen. Man hat nicht selten den Eindruck, dass sie sich Einiges von der Seele geschrieben hat.

Wie in Roches wahren Leben sterben im Buch die drei Brüder der Protagonistin Elizabeth. Die Mutter, die das Auto fuhr, wird schwer verletzt. Wie auch in der Realität gibt es eine Zeitung (im wahren Leben die BILD), die sich aufdringlich und auf abscheuliche Art und Weise in das Leben der zerrütteten Familie einmischt. Unter anderem wird dort die schwer verletzte und verwirrte Mutter im Krankenhaus interviewt und Fotos der Unfallstelle veröffentlicht.
Roche steht seit einiger Zeit mit der BILD Zeitung im Zwist. Nicht nur wegen der Berichtertattung zum tragischen Todesfall ihrer Brüder. Auch jüngst zur Buchveröffentlichungen von „Feuchtgebiete“. Da hatte die BILD wohl eine oder mehrere Literaturkritiken falsch wiedergegeben.

Die Protagonistin des Buches lebt seit dem Unfall und dem Tod ihrer Brüder mit schlimmen Ängsten aber auch mit Rachegelüsten der Zeitung und den Journalisten gegenüber.

„Diese Schweine haben, wie auch immer sie daran gekommen waren, ein Foto von der Unfallstelle abgedruckt, über eine halbe Seite. Ich starre auf das ausgebrannte Auto. Das Gerippe, in dem meine Brüder ums Leben gekommen sind.  […] Sie haben das Andenken an meine Brüder und die Unfallstelle beschmutzt, indem sie es an die Öffentlichkeit zerren. […] wenn man jemanden, der so verletzt und verwirrt ist, so öffentlich demütigt und vergewaltigt, dann züchtet man sich seinen eigenen Terroristen ran. Das werde ich rächen.“

Wie viele von Roches wahren Gefühlen werden uns hier gezeigt?

Immer wieder bekommen wir den Blick in die Psyche einer kaputten Person, die unter dem Tod ihrer Brüder leidet und eigentlich schon lange nicht mehr leben möchte. Nicht nur einmal wird betont, dass sie nur noch für ihren Mann und ihre Tochter lebt, die sie über alles liebt und die sie mit ihrem Ableben ja nicht traurig machen möchte. Solange die beiden sie noch brauchen, wird sie also noch weiterleben.

Elizabeth ist auch nicht mehr zu einem normalen Verhältnis mit ihrer Mutter in der Lage. Sie fuhr den Unfallwagen und hat sich nach dem Unfall, selbst im Schock und mit gebrochenen Gliedmaßen, nicht nach ihren Kindern umgedreht. Somit bleibt Elizabeth im Unklaren, ob die Brüder nach dem Autounfall noch lebten oder grausam verbrannten. Da das Auto, nachdem die Mutter gerettet wurde, explodierte und vollkommen ausbrannte, wurden keine Leichen gefunden. Also nichts, was Elizabeth in irgeneiner Weise Klarheit geben könnte.

Sie lebt in einer provokativen Abkehr ihrer Mutter gegenüber – vor allem sexuell kehrt sie sich von allen moralischen Vorstellungen der Mutter ab. Nicht selten denkt sie vor, während und nach dem Sex mit ihrem Mann an ihre Mutter.

„Im Gegensatz zu dem, was meine Mutter wollte, habe ich in der Therapie über die Jahre gelernt, dass ich auch ein sexuelles Wesen bin.“

„Meine Mutter hat mich sehr feministisch erzogen. Ich glaube, da ist irgendetwas schiefgelaufen in der Erziehung, und ich bin eine art sexuelle Katholikin geworden.“

„Im Bett habe ich gespürt, dass meine feministische Erziehung meilenweit an der Realität vorbeigeht. Ganz klammheimlich und hinter dem Rücken meiner Mutter und dem von Alice Schwarzer habe ich gedacht: Die haben Unrecht! […] Es gibt ja wohl einen vaginalen Orgasmus! Verfickt nochmal!“

Diese Trotz- und Protesthaltung zeigt sich in einer übertriebenen und teilweise auch erzwungenen sexuellen Offenheit. So geht sie beispielsweise regelmäßig mit ihrem Mann ins Bordell. Nicht selten hat man den Eindruck, sie mache das erstens ihrem Mann zuliebe und zweitens, um ihrer Mutter eins auszuwischen.

Fazit:
Das Buch hat mich positiv überrascht und mir besser gefallen als die „Feuchtgebiete“. Man kommt nicht drum herum, sich Gedanken über Leben, Tod, Verlust und Rache zu machen und sich selbst die Frage zu stellen: „Wie würde ich reagieren?“ Leider ist das Ende sehr abrupt und man wird über Vieles im Dunkeln gehalten. Wenn man aber davon ausgeht, dass Roche auch Teile ihres Lebens und ihrer Gefühlswelt in „Schoßgebete“ veröffentlichte, war sie sich vielleicht selbst noch nicht sicher, wie es endet. Das wird uns womöglich die Zukunft zeigen.

„Schoßgebete“ von Charlotte Roche
Piper Verlag
288 Seiten
EUR 16,99
ISBN-10: 349205420X
ISBN-13: 978-3492054201

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