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Jan 16

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Rezension: „Es war einmal Aleppo“ von Jennifer Benkau

Bewertung:

Kurzbeschreibung

Es ist wie ein Schlag ins Gesicht. Antonia kommt mit ihrer Familie aus dem Urlaub, und plötzlich leben mehrere hundert Flüchtlinge nebenan.

Klar – irgendwo müssen sie unterkommen. Aber ausgerechnet hier?

Doch dann trifft Toni auf Shirvan. Und mit jeder skeptischen Frage, die sie ihm stellt, wird die Sache verzwickter.

 

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Darum geht’s

Antonia kommt aus dem viel zu langen Familienurlaub zurück, in dem die komplette Familie von Mama genötigt wurde, wenigstens mal für diese kurze Zeit auf Smartphones, Facebook und Co. zu verzichten. Kaum sind sie wieder in Deutschland angelangt und schalten das Handy an, werden sie geradezu von Nachrichten und SMS bombardiert.

Asylanten.

Hunderte von ihnen.

Direkt vor unserem Haus! (S. 6)

Wir befinden uns im Jahre 2015. Spätsommer. Deutschland. Tausende Flüchtlinge aus Syrien, Afghanistan, Irak und einigen anderen Ländern haben sich auf den Weg gemacht. Sie fliehen vor Krieg, Armut, Hunger und einer Ungewissen Zukunft.

Viele von ihnen kommen nach Deutschland. Und einige von ihnen leben nun auf einem ehemaligen Tennisclub-Gelände. Genau gegenüber vom Haus, in dem Antonias Familie lebt.

Skandal! Wie kann das sein? Niemand in der Nachbarschaft wurde gefragt. So viele fremde Männer … da ist doch niemand mehr sicher. Vor allem nicht die jungen Frauen hier. Und der Immobilienwert hier wird drastisch gesenkt. Warum denkt denn keiner an dem Wert unserer Häuser …

So ist die Meinung von Antonias Eltern, ihrem Bruder und den obligatorischen besorgten Wutbürgern. Auch sie ist nicht begeistert von der Situation und ängstlich. Immerhin hat sie keine Ahnung, was genau sie hinter den blickdichten Zäunen erwartet. Und das Ungewisse macht schnell Angst.

Doch Antonia macht etwas, was viele andere Menschen in ihrem Umkreis auch hätten machen sollen: Sie geht mit ihrer besten Freundin Fee in das Camp. Sie helfen bei der Essensausgabe, räumen auf, spielen mit den Kindern und sprechen mit den Flüchtlingen. Antonia erfährt mehr über die Zustände im Camp, die Gründe ihrer Flucht und über den Weg von Syrien nach Deutschland.

Und sie lernt Shirvan kennen.

Von heute auf morgen sind gefühlte drei Duzend Jungs neu in der Stadt. Viele davon richtig süß. Und was macht Toni? Zieht mit Müllbeuteln und Gummihandschuhen los und fischt auf Anhieb den Hübschesten heraus.

Antonia beschließt, Shirvan öfter zu besuchen. Sie erzählt ihm von Deutschland und er ihr von seiner Heimatstadt Aleppo. Dem Aleppo, wie er es in Erinnerung hat. Dem Aleppo, das es nicht mehr gibt.

Und wenn sich ein junges Mädchen und ein junger Mann täglich sehen, Geschichten austauschen, miteinander lachen und sich das Herz ausschütten, ja, dann kann sich auch mehr entwickeln.

Doch es gibt mehr Widerstände als die eigene geschundene Seele und die kulturellen Differenzen dieser zwei Protagonisten. Die eigene Familie kann nicht nur starrsinnig und peinlich, sondern auch das größte Hindernis sein.

Fazit

Ich hatte so Schiss vor dieser Rezension und habe mich jetzt schon viel zu lange davor gedrückt. Vor allem, weil ich einen heiden Respekt vor der Geschichte und der Autorin Jennifer Benkau habe.

Denn dieses Buch ist wahr! Dieses Buch ist wichtig! Vielleicht sogar das wichtigste Werk unserer Gegenwart.

Wie soll man die richtigen Worte finden, um der epischen Geschichte rund um Antonia und Shirvan gerecht zu werden? Wahrscheinlich geht es nicht, egal wie sehr ich mich anstrenge.

Deshalb schreibe ich jetzt einfach, was ich denke.

Ja Leute, dieses Buch thematisiert den Krieg in Syrien und es geht um die Flüchtenden, die 2015 in Deutschland angekommen sind. Aber in der Geschichte findet ihr keine grausamen, blutigen Details … falls das jemanden abschrecken sollte. Wir erfahren nur einen Bruchteil der schrecklichen Erlebnisse, die Shirvan erleben musste. Aber manchmal ist es das plötzliche Schweigen und ein verklärter Blick, die ausreichen, um mir eine Gänsehaut zu bereitet. Über vieles will Shirvan nicht sprechen, über vieles kann er nicht sprechen. Noch nicht. Und genau das ist es, was mir als Leser mehr im Kopf bleibt. Denn die Stille und meine Fantasie können schlimmer sein als jedes geschriebene Wort.

„Es war einmal Aleppo“ ist für jeden geeignet, der süße, fast schon schüchterne Liebesgeschichten mag. Aber vor allem ist es Pflicht für jeden, der sich für die Thematik interessiert. Denn wir erfahren sehr viel über Syrien, die Anfänge des Krieges und die Fluchtursachen. Und wir bekommen ein wunderschönes Bild einer Stadt gemalt, die ich niemals besuchen konnte. Jetzt ist es zu spät. Aleppo ist zerstört und war wohl eine der schönsten und eindrucksvollsten Städte dieser Welt. Shirvan tut alles, um sie mit Geschichten, seinen Erinnerungen und zahllosen Handyfotos am Leben zu erhalten. Und das berührt.

Wenn ihr die Rezension bis hier hin gelesen habt, dann scheine ich euch zumindest nicht abgeschreckt zu haben. Also: Lest es, empfehlt es, verschenkt es!

Ich bin der festen Überzeugung, wenn viele Menschen diese Geschichte lesen, wird sich etwas in unserer Gesellschaft ändern. Etwas Gewaltiges. Und zwar zum Positiven!

Unter Flüchtlingen ist es doch wie überall auf der Welt. Es gibt gute Menschen, es gibt schlechte Menschen. Und es gibt schlechte Menschen, die aus schlechten Gründen Gutes tun und gute Menschen, die aus guten Gründen Schlechtes tun. (S. 66)

Eckdaten

  • Titel: Es war einmal Aleppo
  • Autorin: Jennifer Benkau
  • Preis: EUR 14,90
  • Taschenbuch: 510 Seiten
  • Verlag: ink rebels
  • ISBN-10: 395869277X
  • ISBN-13: 978-3958692770

Einige Link-Tipps

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1 Kommentar

  1. Heidi

    Hallo,

    scheint ein sehr wirklichkeitsnaher Roman zu sein. Mein Freund kommt aus Hama und hat dort alles verloren. Selbst wenn er wollte, könnte er nicht mehr zurück. Erlebnisse, über die man nicht sprechen kann – diese Situation kenne ich nur zu gut. Aber mit der Zeit wächst das Vertrauen und man erfährt vieles, das sehr belastend sein kann – Folter, Bomben, die alle Freunde getötet haben, Lösegeldforderungen für Menschenleben. Ich bewundere viele meiner Freunde, denn so manch einer könnte nicht mit dem leben, was in Syrien geschah. Doch im Gegensatz zu Antonia hatte ich nie Vorurteile oder Angst. Vielleicht auch deshalb entwickelten sich zwischen mir und den syrischen Männern einige Freundschaften. Und viele Vorbehalte gegen den Islam erwiesen sich als aus der Luft gegriffen.

    LG,
    Heidi, die Cappuccino-Mama

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