Rezension: „Es wird keine Helden geben“ von Anna Seidl

Bewertung:

„Man kann die Angst riechen. Man kann nach ihr greifen. Er ist unter uns. Wir können sie hören, die Schüsse. Sie sind laut. Viel zu laut.“


Eckdaten

  • Seitenanzahl: 256/Taschenbuch
  • Verlag: Oetinger
  • VÖ: 1.1.2016/1. Auflage
  • ISBN-13: 978-3841504029
  • Altersempfehlung: ab 14 Jahren
  • Genre: Drama, Roman, Jugendbuch, Belletristik
  • Format: Hardcover, Taschenbuch, Ebook und Hörbuch
  • Ich-Perspektive

 


Erster Satz

„Alles wird damit beginnen, dass ich verschlafe.“

 


Darum geht’s

Alles beginnt wie ein normaler Schultag. Doch kurz nach dem Pausengong hört Miriam einen Schuss. Zunächst versteht niemand, was passiert ist, aber dann herrschen Chaos und nackte Angst. Matias, ein Schüler aus ihrer Parallelklasse, schießt um sich. Miriams Freund Tobi wird tödlich getroffen. Sie überlebt – fragt sich aber, ob das Leben ohne Tobi und mit den schlimmen Albträumen noch einen Sinn hat. Waren Miriam und ihre Mitschüler Schuld an der Katastrophe?

 


Die Autorin

Anna Seidl wurde 1995 in Freising geboren, wuchs u.a. in Budapest auf und zog schließlich mit ihrer Familie nach Bayern. Schon in der Grundschule erzählte sie gern Geschichten und fing auch bald an, sie aufzuschreiben. Mit ihrem Jugendbuchdebüt „Es wird keine Helden geben“ stellt sie nun ihr schriftstellerisches Können unter Beweis. Die Autorin lebt mit ihren Eltern und ihren Geschwistern in der Nähe von Aschaffenburg

 


Meinung:

Schon seit Monaten liegt das wunderschöne Hardcover in meinem Regal und wartet darauf, gelesen zu werden. Ich muss gestehen, dass ich es damals, nachdem ich den Klappentext gelesen habe, sofort haben musste. Denn ich mag diese realitätsbezogenen Dramatikromane sehr. Doch gleichzeitig hatte ich auch ein bisschen Angst vor diesem Buch.

Nun hatte es sich ganz spontan ergeben, dass ich es mir als Hörbuch geholt habe und ich bin sehr, sehr froh darüber. Denn die Thematik kommt -gehört- noch viel besser an. Die Emotionen dringen intensiver in einem und man denkt viel länger über ein Kapitel nach. Ich glaube, wenn man es „nur“ liest, kommt es nicht so gut an, als wenn man es hört.

„Das Leben ist wie ein sehr langer Atemzug. Irgendwann hat man ausgeatmet und einfach keine Luft mehr in der Lunge. Dann ist alles leer, alles vorbei. Aber ich frage mich: Sterben wir Menschen wirklich nur einen Tod? Oder durchleben wir viele kleine Tode?“

Das Buch wird erzählt von Miriam, der Protagonistin und ich habe mich gleich von der ersten Seite an, so verbunden mit ihr gefühlt, wie schon lange nicht mehr. Das Buch handelt von einem Amoklauf, wie der Klappentext ja schon verrät und es ist im Allgemeinen schwer sich in diese Thematik einzufinden. Aber der Autorin gelingt das hier so fantastisch realistisch, dass mich erschütternde Emotionen schon im zweiten Kapitel zum weinen gebracht haben. Es fühlt sich an, als sei man da, als sei man Miriam, als könne man sie und ihre Gefühle verstehen, obwohl es wohl kaum möglich ist, soetwas nachzuempfinden, wenn man selbst nicht dabei gewesen ist. Allerdings schafft Anna Seidl dies. Sie schafft es, dass man sich miserable fühlt, dass die Trauer von Miriam in einen kriecht, das man die Welt um sich herum vergisst und das man einfach nur noch die Decke über den Kopf ziehen möchte.

Der Schreibstil ist so außergewöhnlich und perfekt, dass ich es kaum glauben kann, dass die Autorin beim Schreiben gerade mal 16 Jahre alt war. In diesem Alter habe ich vielleicht nicht mehr an das Gute in alles und jedem geglaubt, aber mit Sicherheit hätte ich niemals so eine dramatisch, emotionale Geschichte schreiben können. Dieses Buch ist voller Trauer, Gedanken und voll mit der Frage nach dem Sinn und Schuld.

„Vielleicht könnt ihr die Kälte spüren, die den Körper erfasst, ihn zittern lässt, sodass man ihn nicht mehr unter Kontrolle hat. Vielleicht könnt ihr die Stille hören, diese Totenstille, wenn jeder den Atem anhält und einfach nur hofft, dass es einen anderen trifft und man selbst verschont bleibt.“

Es ist nichts für schwache Nerven, aber ein Buch, dass uns die traurige Realität verdeutlicht, vor der wir gerne die Augen verschließen. Miriam sagt ziemlich am Anfang ungefähr so: „Amoklauf war etwas was man mit Amerika verband“ und damit hat sie recht. Es ist ein Begriff den wir mit irgendetwas weit-weit-weg verbinden. Etwas, was „eh niemals hier passiert“. Aber was wenn doch? Was wenn schon morgen passiert? Miriam stellt ich viele Fragen, muss mit vielen Situationen neu zurecht kommen. Die Trauerbewältigung die Frage nach Schuld und Verlust.

Mich hat dieses Buch so gefesselt, dass ich viele Gedanken habe. Auch Tage später noch. Wir können die Welt nicht verändern, das Gute nicht erzwingen. Wir sind alle keine Helden. Aber zumindest können wir hoffen, hoffen auf eine gute, bessere Welt. Darauf, dass das Böse in der Minderheit bleibt.

„Es ist alles so unwirklich. Als wäre es nur ein Film. Und das Schreckliche ist, dass ich diesen Film auch noch gerne gesehen hätte.“

So schrecklich schmerzhaft und traurig dieses Buch auch ist, genau so wichtig ist es.

Absolute Leseempfehlung von mir. Ein Jahreshighlight, wenn nicht sogar das Beste Buch, welches ich je gelesen habe.

 


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Dies ist ein privatbetriebender Blog. Ich wurde für diesen Beitrag nicht bezahlt oder gesponsert. Die Rezension entstand durch meine freie eigene Meinung. Natürlich könnte es sein, dass dein Interesse zum Kauf geweckt wird.

2 Kommentare zu „Rezension: „Es wird keine Helden geben“ von Anna Seidl

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