„Felidae“ von Akif Pirinçci

26. März 2012 2 Von Patrick
Bewertung:

Francis, der samtpfotige Klugscheißer, ist neu im Revier. Mit seinem Besitzer Gustav ist er in ein Haus gezogen, dessen merkwürdige Geschichte und atmosphärische Absonderlichkeiten ihn sogleich ahnen lassen, dass hier etwas nicht stimmt. Und als er kurze Zeit später bei seinem ersten Erkundungsspaziergang auf einen grausam zugerichteten toten Artgenossen stößt, ist ihm klar, daß hier sein Intelligenzquotient gefordert ist. So rollt sich vor dem Leser mit katzenartiger Geschwindigkeit eine Geschichte von atemberaubender Spannung auf: eine Geschichte von serienmäßigen Morden und religiösen Sekten, von rolligen Katzen und Computern, von Wahnideen und Omnipotenzphantasien…

Eine Tierfabel, die in einem spannenden und furiosen Finale menschliche Abgründe enthüllt.

Fazit: Zugegeben, als ich dieses Buch – wieder einmal – in den Abgründen meines Bücherregals fand, war ich mir nicht sicher, wie ich damit umgehen sollte. Immerhin handelt er sich bei der mir vorliegenden Ausgabe um ein Original aus dem Jahre 1989 – und auf dem Buchrücken steht „Der Katzenkrimi„. Doch aller Vorbehalte zum Trotz fand ich mich relativ einfach mit dem Roman aus der Sicht des Katers Francis zurecht. Sehr schnell lernt man bei der Lektüre zu akzeptieren, dass das Verspeisen von Dosenfutter, das sogenannte Flehmen, das Fauchen, Kämpfen und ständige Lecken an allen möglichen Körperöffnungen zu der tierischen Rolle gehören, in die man schlüpft.

Hauptdarsteller des Romans ist wie gesagt der Kater Francis, der zu Beginn mit seinem menschlichen „Lebensgefährten“, dem trotteligen Schriftsteller Gustav Löbel, in eines der hässlichsten Häuser der Vorstadt zieht. Bei der Inspektion des neuerworbenen Reviers lernt Francis nicht nur den geschundenen einäugigen Kater Blaubart kennen, sondern entdeckt auch die Leiche eines jungen Artgenossen – die Jagd nach dem Mörder beginnt. Auf der Suche nach der Wahrheit trifft Francis nicht nur auf weitere Katzenleichen, sondern gar auf eine unheimliche Katzensekte, die im Obergeschoss seines Hauses seltsame Rituale stattfinden lässt, bei denen sich die Katzen der Umgebung einer Folter mit Stromstößen unterziehen und dabei ihrem Propheten Claudandus huldigen. Aus einem geheimen Tagebuch erfährt Francis schließlich, dass sich in seinem Haus einst ein Versuchslabor befand, in dem ein gewisser Professor Julius Preterius Experimente an Katzen durchführte, um einen vermeintlich Superkleber zum Verschließen von Wunden herzustellen. Doch alle Versuche schlugen fehl und endeten meist in einem blutigen Desaster. Nur bei einem einzigen Fall funktionierte der Kleber – bei einem jungen Streuner, der dem Labor zugelaufen war…

Spannend? Auf alle Fälle! Äußerst atmosphärisch und dabei sehr mysteriös beschreibt Akif Pirinçci den Handlungsstrang, an dem sich der tierische Detektiv Francis entlanghangelt, um den Fall der ermordeten Katzen zu lösen. Dabei legt der Kater extrem menschlische Züge an den Tag, angefangen bei der komplexen Gedankenwelt über die gezeigten Gefühle (Liebe, Hass, Angst, Verunsicherung, Eitelkeit, …) bis hin zu einem tiefen Gottesglauben. Dann aber wieder – und insbesondere im Zusammenspiel mit dem anderen Geschlecht – wird Francis von seinen Instinkten übermannt und sehr schnell daran erinnert, dass er eine Katze ist. Francis sieht es allerdings nicht als Manko an, regelmäßig das Fell zu putzen und mit mehr als den fünf menschlichen Sinnen ausgestattet zu sein.

Überhaupt weiß man als Katzenbesitzer die detailgetreue Beschreibung des Verhaltens der tierischen Protagonisten sehr zu schätzen. Ich frage mich, wie lange Pirinçci seine Katzen beobachtet haben muss, um diesen Roman in dieser umfassenden Beschreibungsfülle schreiben zu können. Die moderne Tierfabel regt an, es dem Autor gleichzutun und das Verhalten der eigenen Haustiere näher unter die Lupe zu nehmen. Hilfestellung gibt Pirinçci im Anhang zum Roman mit 13 interessanten und so nicht erwarteten Fakten zur Katze. Fakten, die natürlich auch heute so noch gelten.

Ein oder zwei Dellen hat der Roman für mich allerdings. Da ich selbst Kinder der endenden 80er- und beginnenden 90er-Jahre bin, kann ich mir jedoch vorstellen, dass dieses Detail dem aufkommenden Medienboom der damaligen Zeit geschuldet ist. Denn im Roman können Katzen nicht nur lesen, sie können auch einen Computer bedienen. Während ich bis zum Zeitpunkt des ersten Computerauftritts vollkommen von der Rolle des Francis vereinnahmt war, klinkte sich hier mein Hirn wieder aus. Das war mir selbst für einen fiktionalen Roman zu unwirklich. Vielleicht lag es aber auch daran, dass ich kurz daran dachte, wie schnell sich die Computertechnologie in den vergangenen 23 Jahren entwickelt hat. 1989 kamen die ersten PCs in die Haushalte, heute bekommt man Rechner mit 16 Prozessorkernen. Die Katzen in „Felidae“ dürften somit an einem Atari oder Commodore 64 arbeiten 😉

Wer „Felidae“ von  Akif Pirinçci noch nicht kennt und geschmeidige Kriminalroman mag, sollte die neun Euro investieren und sich einen Klassiker in der deutschen Krimi-Literatur anschaffen. Der Roman ist kurzweilig, gut geschrieben, beinhaltet viel Blut, auch ein wenig Sex und hat ein spannendes Ende. Auf jeden Fall ein empfehlenswertes Buch.  [paku]

„Felidae“ von Akif Pirinçci
Goldmann Verlag
288 Seiten
EUR 8,95
ISBN-10: 3442092981
ISBN-13: 978-3442092987